No Rain, No Flowers: Über Haar, Heilung und die langsame Arbeit des Werdens
17 October 2025
Es ist fast drei Wochen her seit diesem vollen, verwirrenden und doch zutiefst inspirierenden Wochenende, und seither bin ich krank. Die Art Krankheit, die einen ganz zum Anhalten zwingt, zum Stillsitzen, zum Hinhören, was der Körper sagen will. Vielleicht schreibe ich deshalb erst jetzt darüber ... Denn manchmal müssen sich die Lektionen erst setzen, bevor man sie teilen kann.
Dieser letzte Freitag im September begann bei Curlish, einem Ort, den ich seit Jahren aus der Ferne bewundert hatte. Endlich ging ich hinein, bereit, mein natürliches Haar anzunehmen. Danke, Tina, dass du mich in den letzten Monaten sanft daran erinnert hast, vorbeizukommen. Da war ich also. Bereit, dachte ich zumindest ...
Fast zwei Jahrzehnte lang war das, was ich als meine Identität wahrnehme, in langes, glattes (oder burmesisch gewelltes) Haar gehüllt. Ordentlich, gepflegt, «professionell». Haar, das der Welt still zu versichern schien, dass ich dazugehöre. Ich hatte Anpassung mit Leichtigkeit verwechselt. Als ich Curlish an diesem Nachmittag verliess, die Locken weich um mein Gesicht, fühlte ich mich nicht wie ich selbst. Ich fühlte mich entblösst. Weniger stark, weniger perfekt, und das hat mir ehrlich gesagt Angst gemacht.
Es gibt eine leise Art von Scham, die Selbstliebe begleiten kann, wenn sie sich noch nicht natürlich anfühlt. Ich fühlte mich nicht gestärkt. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Version von mir verraten, die so hart dafür gearbeitet hatte zu überleben. Und doch weiss ich tief in mir genau, dass dieses Unbehagen Teil des Ablegens ist.
Die Frage ist nicht Warum liebe ich mich nicht genug, um meine natürlichen Locken zu lieben?, sondern Welche Systeme haben mich gelehrt, dass ich es nicht sollte?
Am selben Abend besuchte ich an der Universität Zürich einen akademischen Roundtable unter der Leitung von Professorin López Labourdette, eine Runde aus Forschenden, Community-Leaderinnen (darunter unsere grossartige AfroSwisster Lys Silva) und Kunstschaffenden, die über afrodeszendente Vermächtnisse und Aktivismus in der Schweiz und darüber hinaus sprachen. Als ich Menschen zuhörte, die von unterfinanzierten Initiativen erzählten, von unsichtbarer Arbeit und dem ständigen Kampf, Community-Arbeit am Leben zu erhalten, sah ich mich selbst in diesen Erzählungen. Die Struktur wird nicht unterstützt, sagte eine Rednerin. Wir bewegen uns trotzdem. Das habe ich tief gespürt. Genau diese Spannung zwischen Vision und Erschöpfung, zwischen dem Wunsch zu dienen und der Notwendigkeit zu überleben.
In diesem Moment begann das Unbehagen, das ich bei Curlish gespürt hatte, Sinn zu ergeben. Ob wir Organisationen aufbauen, unsere Geschichten schreiben oder unser natürliches Selbst zurückgewinnen: Wir alle verhandeln Zugehörigkeit. Es gibt keine Anleitung dafür, wie man in der eigenen Haut wohnt, oder im eigenen Spiegelbild, wenn so vieles von dem, wer man ist, durch das Wohlbefinden anderer vermittelt wurde.
Am Samstag war ich in Genf am fabelhaften ETK Leadership Brunch (ein Gruss an Dr. Elllyy und ihr unglaubliches Team). Das Thema, Legacy of Queens , wirkte prophetisch. Ein Raum voller Women of Color in Bewegung: ehrgeizig, kraftvoll geerdet, durch und durch magnetisch.
Ich beobachtete uns. In unserem Lachen, in unserem Zuhören, in unserer Widerstandskraft. Staunend und inspiriert spürte ich eine unerwartete Zärtlichkeit aufsteigen. Wir alle verhandelten dieselben Widersprüche: Stärke und Sanftheit, Sichtbarkeit und Verletzlichkeit, Erfolg und Selbstzweifel. Dieser Tag und das ganze Wochenende, umgeben von hart arbeitenden, ehrgeizigen afrodeszendenten Frauen in der Schweiz, erinnerten mich daran, dass Selbstannahme kein Ziel ist; sie ist eine Praxis, ein fortlaufendes Gespräch zwischen der, die wir waren, und der, die wir werden.
Jetzt, Wochen später, während ich mich körperlich und seelisch erhole, verstehe ich, dass Überforderung kein Versagen ist. Sie ist die Art des Körpers, Wachstum zu verarbeiten. Heilung braucht, wie Haar, Zeit, um zu ihrem natürlichen Muster zurückzufinden.
No rain, no flowers.
Manchmal sieht der Regen aus wie Tränen, wie Fieber oder wie der Schmerz, sich selbst neu zu sehen. Doch die Blume, das stille Aufblühen in die eigene Wahrheit, folgt immer.
In diesem Text geht es nicht nur um Haar. Es geht um den Mut, sich selbst zu begegnen, wenn man nicht mehr erkennt, wer man geworden ist, und um die Gnade, auch das LIEBE sein zu lassen.
Über Curlish und die Ladies
Curlish ist nicht einfach ein Salon, es ist ein ganzer Vibe. Ein Ort, an dem man ausatmet, sobald man hereinkommt. Alles daran wirkt bewusst gestaltet. Von den Regalen und der Energie bis zum Design und den Menschen.
Ein Gruss an TINA AZIGBO und ihr TEAM.
Danke, Laren, Heidi, Diana und Tina <3
dafür, dass ihr etwas so Nötiges, so Überfälliges und so Herzliches geschaffen habt. Tina und ihre Mitgründerin Hanne Lore haben mehr als einen Salon aufgebaut. Sie haben ein Zuhause für Locken, Coils und Selbstvertrauen geschaffen.
Und Heidy und Laren ... was für ein schönes Duo. Ihre Geduld und ihr Talent. Sie hören zu, sie nehmen sich Zeit, sie behandeln dein Haar, als wäre es wichtig, denn das ist es. Die Sorgfalt, die Präzision, die Wärme: Das ist selten. Denn jede Locke braucht Geduld, Zeit und buchstäblich «Fingerspitzegfühl». Was sie bei Curlish tun, ist grösser als blosse Schönheit oder Geschäft. Es ist Kultur. Es ist Gemeinschaft. Es sind Frauen, die für Frauen da sind. Und natürlich auch für andere Menschen. Es ist Kunst mit einem Ziel.
Wenn du schon lange hingehen wolltest: Geh.
Vielleicht gehst auch du verändert wieder hinaus.